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: Bühnen :: Willkommen in Volkes Seele :
Ein kleiner Zauber entstand während der Premiere der „Dreigroschenoper" im halleschen Opernhaus. Das Publikum applaudierte mittenmang, am Ende holten Danksagungen das künstlerische Team immer wieder vor den Vorhang. Woran lag das? Das Team um Henriette Hörnigk hat das Gesamtkunstwerk gekonnt eins zu eins umgesetzt

Text: Mathias Schulze; Bild: Falk Wenzel

Brecht, Weill und die „Dreigroschenoper": Was für ein Schinken! Den kennen Sie nicht? Tja, wir können hier keine Inhaltsangabe liefern. Oder im Sinne Brechts gesprochen: Dann glotzen Sie nicht so romantisch, gehen Sie zum Buchhändler Ihres Vertrauens – nein, nicht zu Amazon! Es geht um Sex und Crime, um Moral und Korruption. Es geht also um uns. 

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Das Wunderbare an der Inszenierung, die derzeit unter der Regie von Henriette Hörnigk an der Oper Halle zu bestaunen ist, ist das: Alle kleinbürgerlichen Schlachten, die rund um Brecht geführt werden, dürfen sich hier hemmungslos tummeln. Jeder Vernunft-Trunkenbold kann sich sein Schlückchen nehmen. Am Ende bleibt immer noch mehr übrig. Die Inszenierung scheint zu sagen: Kommt alle her, ihr geilen Heuchler und Blender: Wir machen hier eine Massenoper, wir brechen hier in die „Verbrauchsindustrie" ein! It's Party-Time. Hörnigk und Team, dazu gehören Schauspieler des Neuen Theaters und ein Teil der Staatskapelle unter Leitung von Michael Wendeberg und Kay Stromberg, bringen den alten Schinken wieder zum Kochen. Ein sinnlich-opulenter Triumphzug.

Das hat vor allem einen Grund: Hörnigk wuchtet Brecht und Weills Epos eins zu eins. Klar, da gibt es ein Bühnenbild, das an Frank Millers Sin City-Verfilmungen erinnert. Und doch ist diese moderne Stadt ein Symbol. Sie streift ab und an die rauchenden Cowboy-Reklame- Bilderchen ab, so dass man den nackten Maschinenraum der Oper sieht. Hallo, Illusionsbruch! Klar, da gibt es diese ganze Armada an begnadeten Schauspielern des Neuen Theaters, denen zuzuschauen einen schon fast mit dem Elend des Kapitalismus versöhnt. Und doch sind sie alle Fratzen, überzeichnete und durchgeknallte Freaks, die nicht ernsthaft als zu psychologisierende Charaktere angesehen werden können. Heben wir keinen hervor. Das Ensemble macht’s!

Und dann gibt es da noch das abgefahrene Bühnenbild und die geilen Kostüme von Claudia Charlotte Burchard. Vom Pornobalken bis hin zum gestrandeten Astronauten und zur Sexbombe: Alle sind Schachfiguren eines sinnlichrhythmischen Gedankenspieles. Wie wäre es, wenn in Wahrheit das bürgerliche Gesellschaftssystem die Raubordnung ist? Wie wäre es, wenn wir die wahren Verbrecher sind? Wir, die wir hier ein Opernticket gekauft haben! Und nicht diese irren Kleinkriminellen und schrägen Straßenbanditen! 

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„Ein sinnlich-opulenter Triumphzug.“

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Klar, da gibt es all diese Moritaten, Balladen und Hits, die so wohlklingend von der Staatskapelle Halle getragen werden. Doch der Gesang ist meist gewollt schräg – so geht er volksnäher ins Blut: „Und der Haifisch, der hat Zähne." Genial, wie das Publikum zum Chor wird. Willkommen in jenen pulsierenden Adern, die in der Angst vor neuen Kriegen und sozialer Verarmung in die Schlagerhölle rennen. Wir merken es ja am eigenen Leib.

Immer hält sich der Spirit eines spürbaren Realitätssinnes, postmoderne Beliebigkeit war gestern. Es ist, als würden alle geistig und seelischen Kräften gleichermaßen angespannt werden. So wird der Zuschauer zum Teilhaber einer theatralen Freakshow, die aber nie überdreht. Gerade deswegen ist es möglich, dass wir beständig die Realitäten unserer Welt mitdenken können.

Hallo, Verfremdungseffekt! Hallo, Korruption! Es ist die Balance zwischen Sinnenrausch und der Reflexion auf die eigene Rolle in der Gesellschaft: Genau so verbündet sich ein Publikum mit den Künstlern – und zwar gegen alle Unbill der Verhältnisse, die übrigens zu Brechts Zeiten alsbald die Nazis an die Macht spülten.

Es gelingt ein Gesamtkunstwerk, inklusive Happy-End, das mit jenem Bedürfnis, das sich mit einer Welt versöhnen will, die gerade wieder neue und altbekannte Streitkräfte ins Parlament schickt, abrechnet.

Das volkstümliche Erkennen, dass man nicht allein ist mit seinen Ängsten, also das Kollektivierende des Theaters: Es funktioniert prächtig! Der alte Schinken bekommt den Spirit, den er verdient. Und Halle ein Schmuckstück, dessen vereinende Kraft jeden einsamen Vernunftler unter dem Monde Sohos wärmen kann. Chapeau!

Die Dreigroschenoper, 2.; 10. und 15. März um 19.30 Uhr und am 30. März um 18 Uhr, Oper Halle 
 


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